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Rahel Jud, Doktorandin am Institut für Sozialanthropologie, Universität Bern

Bis vor knapp einem Jahr war das Tragen eines Mundschutzes im globalen Norden noch ein Novum. In anderen Weltregionen ist dies jedoch längst eine alltägliche Praktik, nicht nur zum Schutz vor virologischen Erkrankungen. Mit der Notwendigkeit eine Maske zu tragen, wurde ich zum ersten Mal eine halbe Erdumrundung von der Schweiz entfernt konfrontiert: Eines Morgens im Sommer 2013 wachte ich in einem Hostelzimmer in Singapur durch einen beissenden Geruch auf – so beissend, dass ich für einen kurzen Moment dachte, das Hostel brenne. Tatsächlich hatte jedoch der Smog-Index in Singapur über Nacht den kritischen Wert 400 (Air Pollution Index) erreicht, ab einem Wert von 300 gilt die Luftqualität bereits als gesundheitsgefährdend. Der Smog hüllte tagelang Teile von Indonesien und Malaysia sowie Singapur ein. Die Bevölkerung der Metropole wurde aufgefordert, ihre Häuser nur im Notfall und nur mit Mundschutz zu verlassen. (Solche Vorgaben sind uns ja mittlerweile irgendwie auch geläufig.) Grund für die hohen Schadstoffemissionen waren Waldbrände auf der indonesischen Insel Sumatra. Brandrodung ist zwar in Indonesien seit 1999 illegal, doch die Regierung pflegt bei der Durchsetzung dieser Gesetzgebung stets mehrere Augen zuzudrücken. Die Verantwortlichen, sehr häufig Palmölkonzerne, die Brandrodung zur Gewinnung von Land für Ölpalmplantagen nutzen, werden kaum in die Haftung genommen – trotz der immensen Schäden, welche die Feuer anrichten. Neben der Zerstörung von seltener Flora und dem Lebensraum von bedrohten Tierarten müssen in der Region jährlich zehntausende Menschen aufgrund von schweren Atemwegserkrankungen medizinisch behandelt werden.

Seit ich in Singapur mit den gesundheitlichen und umweltechnischen Einflüssen der Palmölindustrie konfrontiert wurde, liess mich die Thematik nicht mehr los und ich reiste 2015 nach Sumatra in die Provinz Jambi, um für meine Masterarbeit vor Ort die sozialen und ökonomischen Auswirkungen auf die lokale Bevölkerung zu erforschen. So fand ich mich schliesslich im Herzen von Jambi in einem kleinen Dorf wieder, das in Mitten von Palmölplantagen lag. Dort traf ich den 53-jährigen Rahman. Sein ursprünglicher Name war Bakilat und er lebte früher als semi-nomadischer Jäger im Regenwald als Mitglied einer lokalen indigenen Gruppe, den Orang Rimba. Als der Regenwald in der Umgebung des Dorfes nach und nach gerodet und in Ölpalmplantagen umgewandelt wurde und somit der Lebensraum der Indigenen zu verschwinden drohte, fing auch Bakilat an, knapp zwei Hektare mit Ölpalmen zu kultivieren, konvertierte zum Islam und nannte sich fortan Rahman.

Die Orang Rimba nennen den Regenwald ihr Zuhause, ihre Welt – alles was ausserhalb ihres Waldes liegt, ist ihnen eine fremde, feindliche Aussenwelt. Alle Orang Rimba, die sich dieser Aussenwelt zu und von einem semi-nomadischen Leben abwenden, werden nicht mehr als ihresgleichen betrachtet und verlieren ihren Status als Mitglied der Gemeinschaft. Aus der Gruppe der Indigenen ausgeschlossen zu sein, war für Rahman ein furchtbares Trauma, aber die ökonomischen Bedingungen liessen ihm keine andere Wahl. Als ich ihn fragte, wie es heute um seine Beziehung zum Regenwald stehe, antwortete er mir:

“Ich fühle mich als ob ich verloren wäre, aber wenn ich an meine Kinder und Enkelkinder denke, kann ich nichts anderes tun, als es geschehen zu lassen. Ich rode das Land Schritt für Schritt, ich bin auch jetzt noch traurig über seinen Zustand, aber meine wirtschaftliche Abhängigkeit macht mich machtlos.”

Ethnische Minderheiten, insbesondere nomadisch lebende Indigene, werden von der indonesischen Regierung auch 2021 noch als rückständige Bevölkerungsgruppen betrachtet, die es zu «zivilisieren» gilt. Neben der Sesshaftmachung dieser Gruppen und der Vermittlung von staatsbürgerlichen Werten, Normen und Pflichten im Sinne der nationalen Einheit legt Jambi’s Provinzregierung besonderen Wert auf die Islamisierung dieser Bevölkerungsgruppen. Rahman und andere “ehemalige” Orang Rimba, hatten also alle zwangsweise die dominante und von der Regierung akzeptierte Lebensform angenommen und sind konvertiert. Rahman zahlt somit einen hohen Preis für das kleine Einkommen, dass er mit der Bewirtschaftung seiner Ölpalmen verdient.

Auch für die restliche Bevölkerung im Dorf, führt das Eingeschlossensein in Mitten von Ölpalmplantagen zu einer totalen Abhängigkeit. Ölpalmplantagen benötigen nicht viele Arbeitskräfte, eine Person reicht für die Kultivierung von über 5 Hektaren aus. Das Ernten der Ölpalmfrüchte ist anspruchsvoll und erfordert viel Muskelkraft und spezifische Fertigkeiten. Der lokalen Bevölkerung wurde dies nicht zugetraut und so wurden Arbeitskräfte aus den umliegenden Regionen geholt und anfangs hoch entlohnt. Die Konsequenzen für die lokale Bevölkerung waren zunächst nicht weiter schlimm, da noch genügend Land vorhanden war, um zum Beispiel Gemüse oder Gummibäume zu kultivieren. Als das Land ab den 1990er Jahren jedoch langsam knapp wurde und nicht mehr ausreichte, um die Familien zu ernähren, war die junge Generation darauf angewiesen, Lohnarbeit in der Nähe zu finden. Die PlantagenmanagerInnen nutzten die Situation aus und boten ihnen Arbeit zu Niedriglöhnen an. Seitdem wächst der Mangel an Arbeit mit jeder neuen Generation und die Arbeitsbedingungen werden immer schlechter, egal ob mit oder ohne Nachhaltigkeitszertifikat.

Zudem ist die indonesische Regierung zunehmend unwillig, KleinbäuerInnen zu subventionieren oder gar zu fördern, obwohl dies der einzige gangbare Weg für eine nachhaltige Agrarwirtschaft auf längere Sicht wäre. Denn Palmölplantagen generieren eine lukrative und verlässliche Einnahmequelle nicht nur für die Kooperativen, sondern auch für PolitikerInnen und BürokratInnen. Eine notwendige Sekundärwirtschaft kann dabei jedoch nicht entstehen, da das dringend benötigte Land dafür von den Monokulturen der Palmölindustrie geschluckt wird und die KleinbäuerInnen kaum in der Lage sind, ihren Eigenbedarf an Agrarprodukten zu erwirtschaften.

Die Sozialanthropologin Tania Murray Li machte dieselben Feststellungen auf der Insel Kalimantan. Sie hält in ihrer Studie fest: «Das Argument, mit dem Industrie und Regierung die Expansion unterstützen, ist, dass Palmölplantagen die Armut reduzieren und Arbeitsplätze schaffen. Die Ergebnisse meiner Studie stellen diese Behauptung in Frage. Plantagenexpansion bedeutet, dass man den derzeitigen LandbesitzerInnen Land wegnimmt und es zu einem sehr niedrigen Preis an Plantagen abgibt. Es bedeutet einen intensiven Wettbewerb um die Kontrolle über das verbleibende Land, mit einer hohen Wahrscheinlichkeit, dass ärmere und weniger leistungsfähige Menschen verdrängt werden. Es bedeutet auch eine Verschlechterung der Bedingungen für landlose Menschen, die zur Plantagenarbeit gezwungen werden. Für einige Menschen in den Plantagenzonen hat sich die Armut tatsächlich verringert, aber Millionen von Menschen, die vorher nicht arm waren, sind arm geworden, und mit jeder Generation wird ihre Armut grösser und dauerhafter.»

Eine halbe Erdumrundung nach Westen, zurück in der Schweiz, und weniger als eine Woche vor der Abstimmung über das Freihandelsabkommen mit Indonesien: Ich trage wieder eine Maske, wenn ich nach draussen gehe, nicht zuletzt auch dies im Zusammenhang mit Globalisierungseffekten.

In der Diskussion um das Freihandelsabkommen werden viele Argumente angeführt, welche die wirtschaftlichen Vorteile für alle Beteiligten betonen, auch im Zusammenhang mit der Palmölindustrie. Auch wenn die langfristig schädlichen Auswirkungen des Produktes «Palmöl» auf die Umwelt bekannt sind – unter anderem aufgrund des massiven CO2-Ausstosses durch die Brandrodung, dem Austrocknen von Torfmooren und der Verwendung unzähliger Pestizide, die hierzulande längst verboten sind – obsiegt im JA-Lager die idealistische Sicht auf das allseligmachende Wirtschaftswachstum im Kampf gegen die Armut. Aus der Distanz und in den Modellen der ÖkonomInnen scheint das ja auch zu funktionieren. Jedoch zeigt der Blick aus der Nähe, am Ort des Geschehens, eine ganz andere Realität.